HTML5 Info - Wie alles begann


Die Geschichte von W3C und WHATWG


Die Geschichte von HTML5 beginnt, wie es sich für einen Webstandard gehört, beim W3C, genauer gesagt beim W3C Workshop on Web Applications and Compound Documents im Juni 2004. Doch anders als sonst üblich sollte die Entwicklung von HTML5 zu Beginn außerhalb des W3C vonstatten gehen, denn das World Wide Web Consortium war von der Idee HTML5 anfangs gar nicht begeistert. Was war geschehen?

In einem gemeinsamen Positionspapier forderten Mozilla und Opera die Weiterentwicklung von HTML, DOM und CSS beim W3C als Basis für Webapplikationen der Zukunft. Angesichts der Tatsache, dass das W3C schon sechs Jahre zuvor HTML4 auf das Abstellgleis geschoben hatte und von da an auf XHTML, XForms, SVG und SMIL setzte, kam die Ablehnung dieses Vorschlags nicht überraschend. Mit 8 Ja- zu 11 Nein-Stimmen fiel das Ergebnis zwar denkbar knapp aus, änderte aber nichts an den weitreichenden Konsequenzen – die Entwicklung von HTML5 sollte die nächsten Jahre in direkter Konkurrenz zum W3C stattfinden.

Ian Hickson, der damals neben Håkon Wium Lie als zweiter Vertreter von Opera gemeinsam mit David Baron von Mozilla das Grundsatzpapier vertreten hatte, lässt die Geschehnisse in seinem Weblog Revue passieren und kommt zum Schluss:

Die Punkte sind diskutiert, die Positionen bezogen, jeder weiß, wo der andere steht, jetzt ist es Zeit, sich zu beruhigen und mit der eigentlichen Arbeit zu beginnen.

In Anspielung auf Geschehnisse, die sich kurz zuvor ereigneten, endet er mit:

What working group is going to work on extending HTML...


Am 4. Juni 2004, also nur zwei Tage nach Ende des Workshops war nämlich die Web Hypertext Applications Technology Working Group, kurz WHATWG, gegründet worden. Als (wie sie sich selbst bezeichnet) loses, inoffizielles und offenes Gemeinschaftsprojekt der Browserhersteller Safari, Opera und Mozilla sowie interessierter Beteiligter hatte sie sich zum Ziel gesetzt, den HTML-Standard weiterzuentwickeln und die Ergebnisse dieses Prozesses wieder bei einem Standardisierungsgremium zur Standardisierung einzureichen.

Gründungsmitglieder der WHATWG waren Anne van Kesteren, Brendan Eich, David Baron, David Hyatt, Dean Edwards, Håkon Wium Lie, Ian Hickson, Johnny Stenbäck und Maciej Stachowiak – ein erlesener Kreis an Entwicklern im Browser- und HTML-Umfeld, der sich fortan gemeinsam mit der aktiven WHATWG-Community um die Geschicke von HTML5 kümmern sollte.

Insgesamt drei Spezifikationen standen zu Beginn auf der Agenda von Ian Hickson, der als Editor von nun an eine zentrale Rolle einnehmen sollte: Web Forms 2.0 als Weiterentwicklung von HTML-Formularen, Web Apps 1.0 mit einem Fokus auf der Applikationsentwicklung innerhalb von HTML sowie Web Controls 1.0, eine Spezifikation bei der interaktive Widgets im Mittelpunkt standen. Letzteres Projekt wurde bald eingestellt, und Web Forms wurde zu einem späteren Zeitpunkt in Wep Apps integriert. Die Arbeitsweise der  WHATWG war von Anfang an auf Zusammenarbeit mit der Community ausgerichtet – ein Blick auf die Homepage zeigt dies deutlich.

Wer Hilfe beim Lernen oder Verwenden von HTML5 sucht, der wird in den Rubriken FAQ, HELP und FORUMS fündig.

Im Bereich DEMOS findet sich nicht wirklich viel Material – am interessantesten ist ein eineinhalbstündiges Video mit Ian Hickson, in dem er einige Features von HTML5 im Rahmen eines Google Tech-Talks demonstriert. Wer Zeit hat, sollte sich dieses Video nicht entgehen lassen, es gibt gute Einblicke in die Arbeits- und Denkweise von Ian Hickson.

Einer der aktivsten Bereiche ist der Chat unter  ircs://irc.freenode.net/whatwg, in dem sich die WHATWG-Community mit Browser-Entwicklern trifft und gemeinsam an der Umsetzung der Spezifikation arbeitet. Hier ist auch Platz, um alle Belange rund um HTML5 emotional zu diskutieren, politische Statements loszuwerden oder Kritikern die Meinung zu sagen.

Das Herzstück der Kommunikation sind drei öffentliche Mailinglisten – eine für Anwenderfragen, eine zweite für Beiträge zur Spezifikation und eine dritte für all jene, die an der Implementierung der Spezifikation arbeiten. Wer die Liste nicht abonnieren will, kann auch auf die öffentlichen Archive zurückgreifen, in denen alle Nachrichten suchbar abgelegt und zum Download angeboten werden.


Die Spezifikation selbst wird auch transparent und öffentlich entwickelt – mehr dazu folgt aber später noch, denn das ist nicht so einfach, wie es klingt. In Wirklichkeit gibt es nämlich nicht nur eine Spezifikation, sondern gleich mehrere Versionen davon. Kehren wir also zur Geschichte von HTML5 zurück.

Während die WHATWG an der Erneuerung von HTML arbeitete, kümmerte sich parallel dazu die XHTML2 Working Group des W3C um ein völlig neues Web.

Im Gegensatz zur WHATWG, deren Credo Rückwärtskompatibilität war, versuchte die XHTML2-Arbeitsgruppe unter der Leitung von Steven Pemberton, HTML auf andere Art weiterzuentwickeln.

Statt FORMS sollte es XFORMS geben, FRAMES sollte durch XFRAMES ersetzt werden, und an die Stelle von DOM Events sollten die neuen XML Events treten. Jedes Element darf ab sofort sowohl ein src als auch ein href-Attribut besitzen, und die Überschriften h1, h2, h3, h4, h5, h6 haben ausgedient und werden von h in Verbindung mit einem neuen section-Element abgelöst. Manuelle Zeilenumbrüche mit br realisiert man nun über l-Elemente; hr heißt ab sofort separator; das neue nl-Element ermöglicht Navigationslisten; und zur Verbesserung der semantischen Möglichkeiten kann jedem Element ein role-Attribut mit vordefinierten oder frei über Namespaces erweiterbaren Keywords zugewiesen werden.

Ein Wermutstropfen und zugleich der Sargnagel des Unternehmens XHTML2 war die fehlende Unterstützung durch die Browserhersteller. Zu radikal waren die angestrebten Änderungen, die ohne Rücksicht auf bestehenden Content im Web konzipiert worden waren. Es dauerte nicht lange, bis auch das W3C erkannte, dass diese Entwicklung nicht zielführend war. Im Oktober 2006 lenkte Tim Berners Lee, Direktor des W3C und Erfinder des World Wide Web, schließlich ein und schrieb in seinem Blog:

Some things are clearer with hindsight of several years. It is necessary to evolve HTML incrementally. The attempt to get the world to switch to XML, including quotes around attribute values and slashes in empty tags and namespaces all at once didn't work.

Gleichzeitig mit dem Eingeständnis, dass XHTML2 als neue Sprache des Web gescheitert war, kündigte er die Schaffung einer neuen HTML Working Group an – diesmal auf breiterer Basis und unter Einbeziehung der Browser-Hersteller, mit dem Ziel, sowohl HTML als auch XHTML Schritt für Schritt weiterzuentwickeln. Seine Überzeugung, dass dies der richtige Weg ist, unterstrich er im letzten Absatz des Blogeintrags:

This is going to be a very major collaboration on a very important spec, one of the crown jewels of web technology. Even though hundreds of people will be involved, we are evolving the technology which millions going on billions will use in the future. There won't seem like enough thankyous to go around some days. But we will be maintaining something very important and creating something even better.


Im März 2007 war es dann so weit: Die neue HTML Working Group konstituierte sich, und kurz nach der Ankündigung beim W3C erging die Einladung an alle Mitglieder der WHATWG, sich an der HTML WG zu beteiligen – ein Angebot, das von der WHATWG dankend angenommen wurde.

Ein paar Monate später wurde dann darüber abgestimmt, ob die bis dahin von der WHATWG ausgearbeitete Spezifikation als Basis für die neue, gemeinsame HTML5-Spezifikation dienen sollte. Im Gegensatz zur Abstimmung beim Workshop 2004 war das Resultat diesmal positiv – 43 Ja- und 5 Nein-Stimmen bei 4 Enthaltungen und einer expliziten Ablehnung. Mit drei Jahren Verspätung hatte sich die ursprüngliche Idee, HTML weiterzuentwickeln durchgesetzt.

Trotzdem war dies erst der Anfang, denn nun mussten Wege gefunden werden, um gemeinsam zu arbeiten – eine Aufgabe, die sich als gar nicht so leicht herausstellen sollte, denn die Philosophien von WHATWG und W3C waren nur bedingt kompatibel. Dass sich die beiden Lager nicht immer einig sind, zeigen nicht nur ausgedehnte Diskussion-Threads in der W3C-eigenen, archivierten und öffentlich zugänglichen  public-html-Mailingliste, sondern auch die Einschätzung der Roadmap des Unternehmens HTML5.

Ging das W3C in puncto HTML5 als Recommendation in ihrer Charta von der Deadline Q3 2010 aus, sah Ian Hickson von der WHATWG ein deutlich längeres Zeitfenster.

Die viel zitierte Jahreszahl 2022 steht im Raum – für Kritiker ein indiskutables Datum. Unter Berücksichtigung des ambitionierten Ziels von HTML5, die drei Spezifikationen HTML4, DOM2 HTML und XHTML1 zu ersetzen und entscheidend auszubauen, eine Testsuite mit Tausenden von Tests zu schaffen und dann noch zwei fehlerfreie Implementationen des Standards als proof of concept vorzuschreiben, relativiert sich dieser lange Zeitraum allerdings.

Ein Blick auf die Regeln zur Beschlussfassung der HTML WG lässt erahnen, wie kompliziert die Entscheidungsfindung der beiden Gruppen beim Weiterentwickeln der Spezifikation ist, und mit Auflösung der XHTML2 Working Group Ende 2009 erhöhte sich die Menge der Kritiker, die auch gewillt waren, diese  Decision-Policy zur Gänze auszuschöpfen.

Das Resultat ist eine stetig wachsende Liste bei der HTML WG des W3C mit sogenannten  Issues, die vor Erreichen des Last Calls unter Moderation der Vorsitzenden Sam Ruby, Paul Cotton und Maciej Stachowiak gelöst werden müssen. Aufseiten der WHATWG nutzte Ian Hickson eine ruhigere Phase, in der er seine  Issues-Liste kurzzeitig auf null herunterfahren konnte, um im Oktober 2009 HTML5 in Last Call bei der WHATWG auszurufen.

Zusätzlich existiert bei der WHATWG ein weiteres Dokument, in dem alle WHATWG-Teile mit zusätzlichen Spezifikationen für Web Workers, Web Storage und die Web Sockets API vereint sind. Dieses  Dokument ist durchaus geeignet, um als Härtetest für das Rendering von HTML herangezogen zu werden: Über 5 Mbyte Quellcode und dazu noch JavaScript zur Anzeige des Status der Implementierung jedes Abschnitts und die Möglichkeit, an den jeweiligen Sektionen direkt Kommentare abzusetzen, bringen jeden Browser an die Grenzen seiner Belastbarkeit.

Wenn Sie die Geschichte von HTML5 selbst erkunden wollen, finden Sie in der Zeitreise ein paar Links als Einstiegspunkte zu den Meilensteinen.

Eine sehr gute Zusammenfassung der ganzen HTML-Geschichte bietet der Artikel  Why Apple is betting on HTML 5: a web history.


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